Kosmos


„Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt
wie aus dem Kerker, der ihn hasst und hält, -
es ist ein grosses Wunder in der Welt:
ich fühle: alles Leben wird gelebt.“

Rainer Maria Rilke, Das Stundenbuch


Die Tage erschlagen ihn. Sie sind so schwer, die Tage. Nur schwer zu tragen. Man müsste mehrere Leben haben, um sie zu verstehen. Doch man hat nur eines, und dieses eine ist kaum zu füllen.

Der Vater ist nicht mehr da. Er war eigentlich nie da. Nur an ein Bild kann er sich erinnern, ein kurzes Flackern im Scheitelpunkt seiner Erinnerung. Dort, wo das Erinnern absinkt in ein graues Ahnen, dass noch was sein müsste, aber man weiss nicht was. Event Horizon. Die nicht zu überschreitende Linie des Bewusstseins. In diesem Bild aber steckt der Vater fest wie eine zuckende Fliege im Spinnennetz. Eine warme Nacht im Sommer. Das Fenster in seinem Zimmer ist mit alten Bettlaken verhangen. Draussen lässt einer aus der Platte die Reifen seines Boliden durchdrehen. Es ist Samstagnacht. Der Vater steht irgendwann vor der Türe. Da bis du ja, sagt die Mutter und lässt ihn herein. Er weiss, dass es nicht gut ist, den Vater hereinzulassen. Es ist, als verändere sich die Beschaffenheit der Dinge, als würden die Gegenstände an Wirklichkeit verlieren, schwammig werden wie von Feuchtigkeit zersetztes Papier. Die Schritte scheinen fortan gedämpft und irgendwie zäh, als ginge man durch von der Sommerhitze aufgeweichten Asphalt. Die noch sehr kleine Schwester schläft schon in ihrem Bettchen, und er ist froh, dass sie schläft. Er hätte sie zum Schlafen gebracht, würde sie nicht schon schlafen, hätte ihr lange Lieder gesungen und die bunten Puppen mit den hüftlangen, grellen Haaren aus der Plastikkiste geholt, um ihr ein kleines Theaterstück vorzuspielen. Ein Spiel, wie das Leben sein könnte, wenn man es nicht anders leben müsste.
Die Mutter führt den Vater ins Wohnzimmer. Er sieht es durch den Türspalt. Der Vater sieht alt aus. Das kurze, dunkle Haar klebt ihm am Kopf, als wäre er durch die stickige Nacht gerannt, um hier anzukommen. Er trägt einen dunklen Trainingsanzug und weisse Sneakers. Es ist stickig in der Wohnung. Die Mutter hat die Fenster im Wohnzimmer schon eine Weile nicht mehr geöffnet. Diese Scheisshitze, sagt der Vater. Die Mutter nickt und stellt ihm eine Bierflasche auf den Tisch. Der Vater öffnet sie mit dem Feuerzeug und trinkt in langen Zügen. Ein grosser Durst, der nicht gestillt werden kann. Scheisshitze, wiederholt er und stellt die Flasche ab. Dann schaut der Vater sich um, und einen Augenblick befürchtet er, man habe ihn hinter der angelehnten Türe entdeckt. Der Vater aber sieht ihn nicht oder tut so, als habe er ihn nicht gesehen, dann blickt er zur Mutter, die sich auch eine Bierflasche aus dem Kühlschrank geholt hat. Schläft die Kleine? fragt der Vater und setzt die Flasche wieder an. Die Mutter antwortet dem Vater nicht, und da weiss er, dass er gehen muss, zurück in die dumpfe Tiefe seines Zimmers mit dem leeren, schwarzen Bildschirm und dem verhangenen Fenster, das die Nacht nicht in die Wohnung lässt.
Später schrickt er aus einem unruhigen Schlaf hoch. Die Bettdecke hat sich um seine Beine geschlungen wie müde Schlangen. Schweiss steht ihm auf der Stirn. Er hört den Vater mit heiserer Stimme und das leise Wimmern seiner Mutter. Scheissnute, du sollst das richtig machen. Dann das Schlagen, das Klopfen gegen die dünne Zimmerwand. Er will es nicht, doch die Geräusche ziehen ihn durch die Wand hindurch. Seine Gedanken sind neonhell und dröhnend. Die weisse, teigige Haut der noch jungen Mutter. Der schweissnasse Vater verkrallt sich in sie, wie ein Tier in seine sterbende Beute. Die ruckartigen Stösse, das Zucken und Zittern, der Gestank der klebrigen, trüben Säfte, die aus den Poren und Löchern hinaus in die Welt strömen. Seine Fingernägel reissen blutige Kratzer in dünne, knöcherne Unterarme, gleich wie der Vater nebenan Dinge zerreisst, die kurze, unverständliche Namen haben, ein willkommener Schmerz, feine Fissuren. Alles öffnet sich zu einer scharlachroten, fiebrigen Wunde, eine grosse Erschöpfung. Das Rauschen in seinem Kopf und das Dröhnen der starken Automotoren unten auf der Strasse verschmelzen zu einem trüben Gleichklang, und während im Bad die Spülung rauscht, dessen Abdeckung irgendwann zerbrochen ist, so dass man das graue Wasser sehen kann, in dem eine unverständliche Mechanik schwimmt, erkennt er etwas, das grösser ist als er, grösser als die verhasste Kraft des Vaters und die Schwäche der Mutter, grösser als die schon wochenlang nicht mehr geputzte Wohnung. Etwas, das so gross ist, dass Astrophysiker eine Formel finden müssten, um es zu beschreiben.

Astrophysiker werden, das Weltall sehen. Dass alles so gross ist, so gewaltig, das packt ihn, lässt ihn nicht mehr los. Eine Weile liest er komplizierte, in kaum verständlicher Fachsprache geschriebene Artikel im Internet. Ihm gefallen die strengen physikalischen Formeln. Obwohl er sie nicht versteht, ist es ihnen vielleicht möglich, ihm zu erklären, wohin die Gedanken verschwinden. Wenn die Mutter hereinkommt, schliesst er rasch die Seite und kehrt zurück in irgendein Spieleforum. Er will nicht, dass die Mutter vom Weltall erfährt. Das Weltall gehört ihm. Dort versteckt er seine Gedanken, damit man sie ihm nicht nehmen kann.

An einem Abend im Sommer sitzt der Junge vor dem Bildschirm und denkt über seinen Namen nach. Einen Namen hat er schon. Er hört ihn oft in der Schule. Er wird ihm zugeworfen, aus dem Hinterhalt, ein harter Wurf, und es gelingt oft nicht, ihn aufzufangen. Möglich, dass es seine Mutter war, die ihn vor vierzehn Jahren für ihn gewählt hat, sicher aber ist er sich nicht. Vielleicht war es die Hebamme, die den Namen auf das himmelblaue Plastikbändchen an seinem Handgelenk geschrieben hat, und seine Mutter hat ihn später darauf abgelesen und festgestellt, dass der Name passt und er ihn weitertragen kann, da er nun schon mal an ihm festgemacht ist. Diesen Namen aber will er nun nicht brauchen. Obwohl er ihm gehört, wird er ihn hier am Eingang zurücklassen, ihn abstreifen wie ein zu lange getragenes Shirt, das schon fleckig ist und nicht gut riecht.
Eine Weile schaut er aus dem Fenster ihn den Abend hinaus und sucht nach einem Hinweis auf einen anderen Namen. Auf dem Dach der Platte gegenüber steht ein Mann und schaut irgendwohin. Es ist nicht das erste Mal, dass der Mann auf dem Dach steht. Er hat ihn schon öfters gesehen. Immer steht er regungslos an einer Stelle. Als er ihn das erste Mal gesehen hat, glaubte er, der Mann wolle sich vom Dach stürzen, um sein zu schwer gewordenes Leben unten auf dem Asphalt und über die glänzenden Dächer der geparkten Autos zu verteilen. Der Fall würde nicht lange dauern, wenige Sekunden wahrscheinlich. Der Mann aber ist bisher nicht gesprungen. Vielleicht sucht er nach einem Grund, sein Leben aufzugeben, es von seinen Schultern zu nehmen wie einen Rucksack voller unnützer, schwerer Dinge. Für einen Augenblick stellt der Junge sich vor, er stehe selbst dort oben und schaue hinab in diese flimmernde Leere. Der Mann dreht sich um und entfernt sich vom Rand. Er hat die Gründe nicht gefunden, die er für seinen kurzen Sturz gebraucht hätte, doch der Junge weiss, dass er wiederkommen wird. Auf dem Dach hat es ein Häuschen, der Zugang zu einer schmalen Treppe, die hinunter ins Treppenhaus führt. Der Mann öffnet die Metalltüre und verschwindet im Innern. Für einen Augenblick vertreibt Abendlicht die Schatten im Raum dahinter, dann fällt die Türe so unwiderruflich zu, als könne man sie kein zweites Mal mehr öffnen. Der Junge mag es, wenn sich Türen schliessen. Er mag die Vollkommenheit sich schliessender Lücken. Als er kleiner war, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, verbrachte er viele Stunden damit, Mauern aus Legosteinen zu errichten. Die Mauern hatten Durchgänge, die er mit grellbunter Knetmasse verschloss und mit den Fingerkuppen glatt strich. Einmal nahm die Mutter eine dieser sorgfältig errichteten Mauern auf und betrachtete sie. Der Junge versuchte, ihr Gesicht zu deuten, glaubte einen Augenblick lang, er erkenne Stolz, vielleicht gar Bewunderung für seine Fähigkeit, Lücken zu schliessen. Die Mutter aber legte die Mauer zurück. Was bist du nur für ein komisches Kind, sagte sie. Mach doch mal ein Haus oder sonst was richtiges. Mach einfach nur einmal etwas richtig.
Der Junge dreht langsame Kreise auf dem Bürostuhl und begutachtet dabei sein Zimmer. Es gibt hier nicht viel. Ein ausgeklapptes Bettsofa, das früher im Wohnzimmer stand. Ein schmales Bücherregal ohne Bücher. Der Schreibtisch mit dem Computer und halbvollen Saftpackungen, ein leer gegessener Teller Pasta, die Tomatensauce angetrocknet und braun. Im Bücherregal stehen leere Verpackungen, ein paar alte Spielsachen, die er nicht im Internet verkaufen konnte, und einige Plastikfiguren, Charaktere aus verschiedenen Computerspielen, die der Junge in den letzten Jahren gespielt hat. Eine seiner Lieblingsfiguren ist ein Geschenk des Onkels, der gegenüber in der Wohnung der Grossmutter lebt und ab und zu vorbeikommt, um nach seinem Kleinen zu schauen, wie er sagt, obwohl er nur zwei Jahre älter ist. Die Figur, die er ihm geschenkt hat, ist ein Magier, ein dunkler Zauberer im Dienste der Horde. Seine hagere Gestalt ist in dunkelblaue Gewänder gehüllt. Er trägt eine Krone aus Eisen und elektrischen, blauen Flammen. In der Hand hält er einen Stab. Der Junge mag diese Figur. Er weiss, sie ist aus Plastik, doch besitzt sie eine eigentümliche Kraft. Hält er sie in den Händen, glaubt er pulsierende, magische Entladungen spüren zu können, die in seine Finger und Hände übergehen, die Arme hinauf weiterwandern und durch den Hals in seinen Kopf steigen, wo sie sich warm und sanft um seine Gedanken weben. Der Zauberer hat einen Namen, doch der Junge hat ihn vergessen. Es stört ihn, dass er diesen Namen nicht kennt. Er öffnet das Internet und braucht nur einige Augenblicke, um den Namen ausfindig zu machen. Er spricht den Namen einige Male nach, erst nur leise, dann lauter, um ihn nicht mehr zu vergessen. Für einen Moment erscheint es ihm sehr wichtig, diesen Namen nie mehr loszulassen, ihn zu einer wichtigen Erinnerung zu machen, als wäre es sein eigener Name, den er nicht verlieren darf, denn irgendeinen Namen muss man tragen.

An einem Nachmittag im Sommer sitzt ein junger Mann vor dem Fernseher und schaut sich eine Sendung an. Er kennt diese Folge noch nicht und doch weiss er, was gleich geschehen wird, denn es ist immer dasselbe, was geschieht, und eigentlich geschieht nichts. Da stehen zwei Frauen im Treppenhaus einer Wohnsiedlung, die aussieht wie die seine, und schreien sich an. Wieso sie schreien, weiss der junge Mann noch nicht, denn er hat eben erst von einer amerikanischen 90er-Sitcom auf die schreienden Frauen gewechselt und muss zuerst noch in die Geschichte finden. Die eine Frau, die ein wenig aussieht wie die Mutter von unten, bei der er ab und zu vorbeigeht, beschuldigt die andere Frau, sie habe ihr den Mann weggenommen. Ich hab’ dir doch gesagt, lass uns in Ruhe, schreit die Frau. Die beschuldigte Frau verzieht das Gesicht und stemmt die Arme in die Hüften. Der junge Mann öffnet eine Plastikflasche Cola und trinkt ein paar Schlucke. Die Cola ist lauwarm und schmeckt klebrig. Er beobachtet, wie die beiden Frauen sich zu schubsen beginnen. Hinter ihnen öffnet sich eine Wohnungstüre und eine dritte Frau erscheint im Bild. Was soll denn das, so geht das doch nicht, hier im Treppenhaus so einen Lärm zu machen, schimpft sie auf die beiden streitenden Frauen ein. Wenn das nicht aufhört, rufe ich die Polizei. Der junge Mann schaut aus dem Fenster und sieht einen Vogel, der auf dem Sims sitzt. Das ist seltsam, denkt der junge Mann, einen solchen Vogel hab ich hier noch nie gesehen. Der Vogel ist schwarz und fast so gross wie ein kleiner Hund. Einen Augenblick lang denkt der junge Mann, er könne irgendwo nachschauen, was das für ein Vogel ist, weiss aber nicht, wo er das machen könnte. Er kehrt zur Fernsehsendung zurück, wo inzwischen zwei Polizeibeamte eingetroffen sind, und als er wieder aus dem Fenster schaut, ist der Vogel verschwunden. Die drei Frauen streiten nun mit den Polizisten, haben sich gegen die Beamten zusammengefunden. Was geht das dich an? Hast du nichts anderes zu tun? Der eine Polizeibeamte, der ein wenig aussieht wie ein Animateur in einem dieser Clubs auf Mallorca, die der junge Mann aus einer anderen Sendung kennt, baut sich vor einer der Frauen auf und will ihren Namen wissen. Der junge Mann weiss, dass die Frau gleich auf den Polizisten einschlagen und Augenblicke später verhaftet wird, denn nun kann er sich wieder an die Sendung erinnern, die er doch schon einmal, es mag einige Wochen her sein, gesehen hat.
In der Werbepause geht der junge Mann in die kleine Küche, kaum mehr als eine Nische im Wohnzimmer, und leert die Cola ins Spülbecken. In den Schränken sucht er nach Essen, findet aber nur eine angebrochene Packung geschnittenen Weissbrots und Nutella mit eingetrockneten, braunen Rändern oben am Glas. Während er sich drei Brote schmiert, schaut er aus dem Fenster hinunter auf die Strasse, wo ein paar Jugendliche auf einer Bank sitzen und rauchen. Er kennt die Jugendlichen, sie wohnen hier in der Platte. Einer von ihnen ist der jüngere Bruder eines ehemaligen Schulkameraden. Der junge Mann geht schon länger nicht mehr zur Schule. Irgendwann in der achten Klasse ist er nicht mehr zum Unterricht gegangen, hat erst viele Male verschlafen, war dann länger krank, bis seine Mutter das Jugendamt vor der Türe hatte. Doch auch die Beamten konnten nichts gegen seinen Entschluss ausrichten, fortan in seinem Zimmer zu bleiben und auf etwas anderes zu warten. Die Mutter beschimpfte erst die Sozialarbeiter, dann die Lehrer, schlussendlich ihn und auch seine kleine Schwester, die doch jeden Tag zur Schule ging und nicht verstand, wieso die Mutter plötzlich so wütend war. Ihre Erklärung war einfach und sie überraschte ihn nicht: Wegen euch hab ich diesen Scheiss am Hals. Wie mich das alles ankotzt. Er verstand, was sie meinte, hätte ihr gerne gesagt, dass es ihm auch so gehe, doch sie war weg, bevor er Gelegenheit dazu fand. Das Jugendamt brachte die kleine Schwester erst in eine Kriseneinrichtung, wie jemand ihm in einem hellen Büro erklärte, später in ein anderes Heim ohne Namen und Adresse. Er war schon zu alt und niemand, schon gar nicht das Amt, wollte sich noch den Kopf zerbrechen, was man mit einem Kind macht, das auf ihren Papieren bald schon kein Kind mehr war. Er blieb in der Wohnung der Mutter und richtete sich im Wohnzimmer ein. Nach seinem achtzehnten Geburtstag ging er auf ein anderes Amt und liess sich die Antragsformulare fürs Arbeitslosengeld geben. Das wenige Geld, das man ihm bald darauf zugestand, reichte für Lebensmittel, Zigaretten, Internet- und Telefonvertrag. Die Wohnung der Mutter jedoch war nun zu teuer für ihn alleine. Man verwies ihn auf eine kleinere Wohnung im selben Quartier, nur eine Strasse entfernt. Sein Umzug dauerte keinen halben Tag. Die wenigen Möbel der Mutter liess er zurück. Nur das Bett, das Sofa und einen Kleiderschrank nahm er mit. Viel mehr hätte in der Einraumwohnung auch gar nicht Platz gehabt. Als er am Abend seines Einzugs im Wohnzimmer auf dem Sofa sass und eine Zigarette rauchte, glaubte er, die alte Wohnung nie verlassen zu haben, denn alles war hier gleich: die fahlen, nikotingelben Wände, die niedere Decke, das zerkratzte Laminat. Er war angekommen, noch bevor er losgegangen war, und wusste doch schon jetzt: Wer nicht fliehen kann, muss bleiben.
Gegen Abend zieht sich der junge Mann ein gewaschenes Hemd über, schaut eine Weile in den Spiegel im Badezimmer, massiert sich einige Fingerspitzen Gel ins kurze, dunkle Haar und verlässt die Wohnung. Im Treppenhaus hat es kein Licht. Das ist schon vor Monaten ausgegangen, und repariert wurde es nie. Der junge Mann mag es, im staubigen Halbdunkel zu stehen und auf die Geräusche zu lauschen, die durch die dünnen Türen aus den Wohnungen ins Treppenhaus dringen. Als wäre er ein Geist, der unbemerkt durch eine zerfallende Welt streift und Hinweise auf die seltsamen Leben der letzten Menschen sammelt. Wortfetzen eines lauten Streites, du kannst mich mal, dann hau doch ab, dumpfe Rapmusik, stampfende, grelle Rhythmen und wütende Stimmen, der Jingle einer Fernsehwerbung, die der junge Mann schon auswendig kennt, ein weinendes Kind.
Auf dem Weg nach unten steckt er sich eine Zigarette hinters Ohr und richtet sich den Hemdkragen auf wie einer dieser millionenschweren Fussballstars, die er manchmal im Fernsehen sieht. Wie sie mit ihren schlanken, tätowierten Körpern und den makellosen Gesichtern vor den Kameras der Sportjournalisten stehen und sagen, es lief gut, wir hatten Glück, wir haben alles gegeben. Dann, so ahnt der junge Mann, gehen sie feiern, in teure Clubs, mit Frauen, die alles machen, was sie verlangen, einfach, weil die Fussballer schön sind und vorhin alles gegeben haben auf dem Rasen, oder einfach, weil sie Glück haben. Einmal Glück zu haben, das ist ein Anfang, denkt der junge Mann. Irgendwo muss man doch anfangen.
Vor der Tür der Mutter, bei der er ab und zu vorbeigeht, bleibt er kurz stehen. Es ist sieben Uhr abends. Er lauscht auf Geräusche der Kinder, kann aber nichts hören. Oft sind sie sehr laut, auch dann, wenn er dort ist. Sie streiten sich oder weinen wegen irgendeiner Nichtigkeit, die sie nicht richtig erklären können. Obwohl er es nicht tun möchte, klingelt er. Die Mutter öffnet die Türe so schnell, als hätte sie dahinter auf ihn gewartet, was vielleicht sogar stimmt, denn er war schon länger nicht mehr hier und sie musst sich mittlerweile gefragt haben, was aus ihm geworden ist. Die Mutter, deren Namen er nicht ausspricht, da sie gleich heisst wie seine eigene Mutter, die nun einige Strassen entfernt mit einem viel jüngeren Mann lebt, schaut ihn verwundert an. Was willst du? Ich hab’ die Kinder. Der junge Mann zuckt mit den Schultern. Er weiss nicht, was er will. Würde er es wissen, wäre er nicht hier. Ach, nur quatschen, was weiss ich. Die Mutter zeigt auf den dunklen Flur hinter ihr, der mit allerlei Sachen vollgestellt ist, alten Pappkartons, einer schmalen Kommode, gestapelten Schuhen. Er folgt ihr in die Küche, vorbei an zwei geschlossenen Türen, hinter denen die Kinder sind. Sei leise, sie schlafen schon. Das verwundert den jungen Mann. Sonst schlafen sie nie um diese Zeit, und erst recht nicht im Sommer. In der Küche riecht es nach kaltem Fett und Zigarettenrauch. Auf dem Herd steht eine Pfanne mit einem fast verkohlten Stück Fleisch, auf dem Küchentisch einige halbleere Flaschen: Eistee und Bier. Die Mutter nimmt ein Glas aus der Spüle und giesst sich Eistee ein. Sie trinkt einige Schlucke und nimmt sich dann eine Zigarette aus einer angebrochenen Schachtel, die auf dem Fenstersims liegt. Schweigend raucht sie und schaut zu Boden, als erkenne sie auf dem fleckigen Linoleum eine Erklärung für die Tage, die einem durch die Finger gleiten und denen man verwundert nachblickt, während sie sich in eine trübe Sinnlosigkeit auflösen.

Zwischen den Häusern gibt es einen kleinen Park, den niemand hier Park nennt, denn es ist nicht mehr als eine trockene Wiese mit braunen Flecken und Brandstellen von diesen kleinen Alugrills, die es im Niedrigpreis an der Ecke zu kaufen gibt, am Rande einige Bäume, Birken und eine Weide, deren Krone im warmen Wind schwankt. Manchmal geht er dorthin und trinkt zwei, drei Biere, öfters auch mehr. Es ist dort immer jemand anzutreffen, teilweise schon morgens, zwei Rentner, die hier irgendwo wohnen, obwohl niemand weiss, wo und in welcher der Wohnungen, die sich übereinander stapeln wie Altkartons, die niemand mehr braucht. Dort auf den Bänken findet man schnell ein Gespräch oder Anfänge davon, grelles Schimpfen über diese Scheisspolitiker, die die Migranten ins Land lassen, abgehackte, ineinander geschobene Reden, vor allem, wenn es Abend ist und sich eine laute Unruhe über alles legt, über die Menschen wie auch über die Bäume und das vertrocknete Gras dazwischen. Die überquellenden Mülleimer, um die sich keine Hausverwaltung kümmert, spucken ihren Inhalt auf die Wiese, und wenn erst einmal eine Plastiktüte oder das glänzende, bunte Papier einer Chipstüte um die Füsse der Parkbank spielt, folgen ihr rasch leere Zigarettenpackungen, Taschentücher, der zerfledderte Sportteil einer Bild, ausgetrunkene oder halbvolle Bierflaschen.

Er sitzt auf einer Bank vor dem Hauseingang, raucht und schaut sich die Autos an, die auf dem Parkplatz stehen. Neben einem schmutziggelben Transporter steht ein Mann und telefoniert. Er hält das Handy ein wenig schräg vor sich, als halte er ein Funkgerät. Die Stimme einer Frau ist zu hören. Sie ist aufgebracht, will nicht zur Ruhe kommen in ihrer Wut. Was sie sagt, das hört man nicht, aber es müssen schwere, schwer zu tragende Worte sein, denn der Mann schüttelt ab und zu sanft den Kopf, als müsse er eine Last von sich weisen. Wieso geht er nicht einfach, denkt er und beobachtet, wie der Mann weiter die Worte von sich weist. Wieso geht er nicht einfach und lässt es sein, wie es eben ist? Die Dinge lassen, wie sie sind, denn so sind sie leichter zu ertragen.















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